Meisenheime gegen Eichenprozessionsspinner

Helmstedt. Zwölf neue „Einzimmer-Wohnungen“ wurden jetzt dem Förderverein Waldbad Birkerteich zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es sich um Nistkästen für Kohl- und Blaumeisen, Kleiber oder andere heimische Vogelarten. Der Vorsitzende, Martin Lehmann, begrüßte dazu Vertreter der Lebenshilfe Helmstedt sowie die Landtagsabgeordneten Veronika Koch und Jörn Domeier. Hintergrund ist die Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners, dessen Raupennester gesundheitsschädlich sind und zu schweren Atemwegserkrankungen führen können. Dagegen hilft keine Chemie. Natürliche Fressfeinde sind die Lösung. Dazu eignen sich Meisen und Rotkehlchen besonders gut.

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Ludgeriteich in Helmstedt hat wieder ein Entenhaus – Spendensammlung brachte über 600 Euro

Helmstedt. Der Ludgeriteich hat nach dreijähriger Unterbrechung sein Entenhaus wieder. Zur Erinnerung: Dies musste aufgrund massiver Beschädigungen 2019 an Land gezogen und repariert werden. Die Reparatur übernahm die Werkstatt WIR der Lebenshilfe Helmstedt-Wolfenbüttel. Im Frühjahr 2020 sollte das Entenhaus wieder eingesetzt werden. Dann kam Corona und hat alles verhindert.

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Die Fachverbände für Menschen mit Behinderung: Teilhabe umfasst auch pflegerische Leistungen

Berlin. Die Fachverbände für Menschen mit Behinderung und die Bundesarbeitsgemeinschaft Heilerziehungspflege (BAG HEP) begrüßen die Erstellung des Kompetenzorientierten Qualifikationsprofils für die Ausbildung von Heilerziehungspflegenden an Fachschulen, welches am 16. Dezember 2021 von der Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen und nun veröffentlicht worden ist. Allerdings machen sie darauf aufmerksam, dass die Teilhabe als Kernkompetenz der Heilerziehungspflege zwingend auch pflegerische Leistungen umfasst.

Nach Überzeugung der Fachverbände für Menschen mit Behinderung und der BAG HEP enthält das Kompetenzorientierte Qualifikationsprofil viele innovative Ansätze und ist ein wichtiger Schritt hin zu bundeseinheitlichen Rahmenbedingungen in der Ausbildung sowie im späteren Berufsalltag der Heilerziehungspflegenden.

Im Vordergrund der Beschreibung des Berufsbildes der Heilerziehungspflege steht die teilhabeorientierte Unterstützung in behindernden Lebenssituationen, unter anderem in den Bereichen Gesundheitsförderung und -erhaltung. Dies begrüßen die Verbände, weil Teilhabe die Kernkompetenz der Heilerziehungspflege ist und bleiben muss.

Pflege ist dabei elementare Voraussetzung für Teilhabe und muss notwendiger Bestandteil der Heilerziehungspflege bleiben. Nur so kann der Auftrag der Dienste und Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Fachschulen für Heilerziehungspflege erfüllt werden, Menschen mit Behinderung auf der Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention soziale Teilhabe zu ermöglichen. Die Fachverbände für Menschen mit Behinderung und die BAG HEP fordern deshalb die Länder dazu auf, diesen entscheidenden Aspekt in der Umsetzung der Lehrpläne abzubilden

Zum Hintergrund:

Das „Kompetenzorientierte Qualifikationsprofil für die Ausbildung von Heilerziehungspflegenden an Fachschulen“ ist am 16. Dezember 2021 durch die Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen worden. Das länderübergreifende Papier beschreibt das Anforderungsniveau des Berufsbildes und enthält Definitionen der beruflichen Handlungskompetenzen, über die qualifizierte Heilerziehungspflegende verfügen müssen, um dem Anforderungsniveau des Berufs zu entsprechen und den Beruf kompetent ausüben zu können. Ziel des KMK-Papieres ist es, durch bundeseinheitliche Leitplanken das Profil der Heilerziehungspflege in Abgrenzung zu anderen sozialen Berufsbildern als die Profession für Teilhabe zu stärken.

Die fünf Fachverbände für Menschen mit Behinderung repräsentieren ca. 90 Prozent der Dienste und Einrichtungen für Menschen mit geistiger, seelischer, körperlicher oder mehrfacher Behinderung in Deutschland. Ethisches Fundament der Zusammenarbeit ist das gemeinsame Bekenntnis zur Menschenwürde sowie zum Recht auf Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Leben in der Gesellschaft. Weitere Informationen unter: www.diefachverbaende.de

Lebenshilfe räumte symbolisch Barrieren aus dem Weg

Helmstedt. Da war endlich mal wieder richtig Remmi-Demmi auf dem Markt in Helmstedt. Passend zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung hatte die Lebenshilfe eine publikumswirksame Aktion geplant, in deren Mittelpunkt die „Mauer der Barrieren“ stand. Diese Papp-Installation sollte schrittweise mit vielen Problemzetteln und Wünschen der Lebenshilfe-Beschäftigten beklebt werden – und schließlich in einer gemeinsamen Anstrengung zu Fall und somit symbolisch aus dem Weg geräumt werden.

Da Ganze war ein Hingucker, und viele Passanten blieben stehen. Sie waren sicher auch akustisch schon lange auf das Treffen aufmerksam geworden, denn Protest darf laut sein: Um sich und ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen, hatte die Lebenshilfe für ein entsprechendes Rahmenprogramm gesorgt. Die Trommelgruppe Banda Racunda aus Barmke sorgte für den nötigen Rhythmus. Außerdem ertönte immer wieder das Röhren starker Motorräder: Die Gruppe „Bikers against child abuse“ (Baca) aus Schöningen hatte sich mal wieder für einen Shuttle-Dienst zur Verfügung gestellt. Ergänzt um einige Zweirad-affine Lebenshilfe-Mitarbeiter, pendelten die Vereinsfahrer zwischen der Werkstatt Beendorfer Straße und dem Markt hin und her, um einige ausgewählte der insgesamt 350 Beschäftigten der Lebenshilfe Helmstedt mitzubringen.

Kurz vor dem Fall der „Mauer der Barrieren“, die inzwischen von den Lebenshilfe-Beschäftigten mit vielen Problemzetteln und Wünschen beklebt worden war.

„Wir wollen heute auf einige typische Barrieren hinweisen, die das Leben der Menschen mit Behinderung im Tagesgeschäft so schwierig machen“, erklärte Dajana Weidemann vom Organisationsteam. Vieles falle den Menschen ohne Behinderung im Alltag gar nicht auf – oder sie hätten sich schlicht daran gewöhnt. Da gelte es, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen: „Nicht die Menschen sind behindert, sondern die Umwelt behindert sie.“

Schwere Maschinen fuhren auf dem Markt in Helmstedt vor und brachten Beschäftigte der Lebenshilfe mit. In der Mitte Markus „Samson“ Murgia aus Schöningen.

Die Lebenshilfe hatte im Vorfeld (gefördert durch die Aktion Mensch) eigens „Barriere-Checker“ ausgesandt, die sich auf die Suche machten und die Ergebnisse dann zu Papier brachten – als Text oder als Zeichnung. Da kam doch einiges zusammen auf der „Mauer der Barrieren“: Alle Stolperfallen müssen weg. An Geldautomaten und in der Behördenpost soll leichte Sprache verwendet werden, „damit wir wissen, was gemeint ist“. Gaststätten und Werkstätten müssen standardmäßige Behindertentoiletten bekommen. Bordsteinkanten sollen überall abgesenkt werden, weil sie zu hoch sind für Rollstühle und Rollatoren. Und schließlich ein genereller Appell zum Umdenken an die Gesellschaft: „Man wird nicht ernst genommen, nur weil man anders ist.“

Über diese Resonanz freute sich Dajana Weidemann sehr. „Und dass wir voriges Jahr mit der inklusiven Eiskarte im Eiscafè Dolomiti schon eine erste Barriere eingerissen haben, finde ich auch ganz prima.“ Übrigens erwähnte sie am Rande, dass die Zusammenarbeit mit dem Verein Baca schon seit Jahren erfolgreich laufe, dass aber längst nicht jeder Biker einfach so jemanden mitnehmen dürfe. „Man braucht dafür ein polizeiliches Führungszeugnis und ganz sicher auch ein großes Maß innerer Ruhe, um unerfahrene Beifahrer mitzunehmen.“

Die Trommelgruppe Banda Racuda aus Barmke sorgte für Rhythmus vor der „Mauer der Barrieren“, die auf dem Markt errichtet worden war.

Das bestätigte Markus „Samson“ Murgia, der schon vor fast zehn Jahren dabei war, als sich die Baca-Gruppe in Schöningen gründete. Mit seiner Suzuki brachte er diesmal nach und nach mehrere Personen zum Markt. „Endlich konnten wir wieder mitmachen“, erklärte er. Der letzte ähnliche Einsatz lief vor zwei Jahren bei der Lebenshilfe in Wolfenbüttel, dann kam Corona. „Schön dass es jetzt geklappt hat. Es macht Spaß mit den Kindern, und ihr Lächeln zu sehen, ist für uns schon Dank genug.“ Die Kennzeichen wiesen die breite Basis des Vereins aus: Da standen Maschinen aus Helmstedt, Braunschweig, Wolfenbüttel, Oschersleben und Salzgitter in der Fußgängerzone.

Beim Einreißen der Mauer allerdings spielten die Motorräder keine Rolle. Da waren die „Barriere-Checker“ ganz in ihrem Element und brauchten nur wenige Sekunden, um das Bauwerk zu Fall zu bringen. Wenn es mal mit den täglichen Barrieren genauso leicht ginge.

Zum Bild: Großer Jubel bei den Lebenshilfe-Beschäftigten, als die Barrieren symbolisch aus dem Weg geräumt worden waren. Im Hintergrund das Helmstedter Rathaus. Fotos: Lebenshilfe

WIR gemeinsam: Leben mit Halluzinationen und Erschöpfung

Jeder vierte Deutsche leidet im Laufe seines Lebens an einer psychischen Krankheit. In unserer Serie „Wenn das Leben Kopf steht“ stellt die Lebenshilfe Wolfenbüttel Menschen vor, die unvorbereitet durch psychische Erkrankungen mitten aus dem Leben gerissen werden. In der Werkstatt für Industriearbeit (WIR) der Lebenshilfe konnten sie nach einem langen Leidensweg neuen Mut fassen. „Der Mensch kann auch mit schwierigen körperlichen Leiden noch Großartiges vollbringen. Wenn aber die Psyche nicht mehr mitspielt, ist das vorbei“, verdeutlicht Psychologin Angelika Thiele. Die Lebenshilfe will für das wichtige Thema „Psychische Gesundheit“ sensibilisieren. „Damit die Menschen aufeinander acht geben – und mehr Verständnis für diese Krankheiten herrscht“, sagt Axel Koßmann von der Öffentlichkeitsarbeit der Lebenshilfe.

Wolfenbüttel. Carsten Schulze arbeitet seit 2013 in den Räumlichkeiten der Werkstatt für Industriearbeit. Zunächst arbeitete er im Berufsbildungsbereich, seit 2015 im Arbeitsbereich Metall der WIR. Schulze lernte ursprünglich Bürokaufmann und arbeitete zuletzt bei einem Bestatter, bis ihn Depressionen und Halluzinationen in die psychiatrische Behandlung zwangen. Dabei könnten auch eine Überbelastung und Mobbing im Job, sowie das unverarbeitete Erleben traumatischer Bilder eine Rolle gespielt haben, wie Schulze berichtet.

„Ich wurde erst depressiv und hing immer nur durch. Erst wollte ich nicht zum Arzt gehen. Dazu kamen Halluzinationen“, beschreibt Schulze seinen Zustand vor der Behandlung. „Wenn ich eine Tablette vergesse, dann sehe ich Spinnen an der Decke laufen und höre Stimmen. Nicht laut, nicht befehlend, nur kommentierend.“

Die fachliche Diagnose für sein Leiden lautet Schizoaffektive Störung. Bei dieser Diagnose können sowohl affektive als auch schizophrene Symptome auftreten. Beides ist im Bereich der Psychosen einzuordnen. Betroffene leiden gleichzeitig an depressiven Symptomen wie Schlafstörungen und Niedergeschlagenheit sowie an Halluzinationen und Zwangshandlungen oder -gedanken aus dem schizophrenen Spektrum. Obwohl eine genetische Disposition als Ursache für die Schizoaffektive Störung nicht ausgeschlossen werden kann, geht man in der Wissenschaft von einem engen Bezug zu Belastungen im Lebensalltag aus, welche oft auch sinnhaft die Symptomatik ausgestalten.

In Schulzes Fall liegt ein Zusammenhang mit der beruflichen Laufbahn nahe. „Als ich als Bürokaufmann gearbeitet habe, bin ich gemobbt worden. Man hat mir Material weggenommen und ich kam in Zeitnot. Diese Zeit hat mich psychisch stark mitgenommen. Das war auch das erste Mal, wo ich drei Wochen wegen psychischer Ursachen krankgeschrieben war“, schildert der 56-Jährige. Geholfen hat das wenig. Als es im Büro trotz Versetzung in eine andere Abteilung nicht mehr ging, fing Schulze beim Bestatter an. Eine Tätigkeit, die ihm eigentlich Spaß machte. Jedoch in einem Umfeld, das seine Grenzen nicht respektierte.

Lebenshilfe-Psychologin Angelika Thiele

„Ich musste immer auf Bereitschaft sein beim Bestatter und war Tag und Nacht erreichbar. Einen Monat hab ich mal 30 Tage durchgearbeitet, morgens bis abends. Kein Wochenende, keine Freizeit. Ich bin nur zum Schlafen nach Hause gefahren.“ Aus Pflichtbewusstsein habe er das getan. Das Fehlen von ausreichender Erholungszeit macht jedoch zwangsläufig krank, schlussfolgert Thiele. Zumal, so ergänzt Schulze, hier wohl auch die Ursache für seine Halluzinationen zu suchen sind: „Man bekommt da ja einiges zu sehen: Verbrannte oder geköpfte Menschen, abgerissene Gliedmaßen. Oft hatten wir Glück und die Kripo war vorher schon da. Aber die haben auch eine Seelsorge, der Bestatter nicht.“

„Eigentlich mochte ich Spinnen immer“, kommentiert Schulze. Thiele ordnet ein: „Wenn man Dinge erlebt, die zu viel für einen sind, träumt man oft davon – das ist eine Art der Verarbeitung, ein Selbstheilungsmechanismus. Ebenso wie Träume entstehen auch Halluzinationen aus inneren Bildern, Symbolen und Erinnerungsbruchstücken. Zu schockierende Dinge speichert das Gehirn als Schutzreaktion für die Psyche nur bruchstückhaft ab. „Diese Erinnerungsbruchstücke, auch Trigger genannt, können noch Jahre lang das schockierende Erlebnis innerlich lebendig machen“, erläutert Thiele. „Das kann ein Geräusch, ein Geruch, ein Bild, ein Wort sein – und die Betroffenen sind wieder mitten im Geschehen“.

Dass Betroffene solcher traumatischen Belastungserfahrungen erst eine Zeit nach dem Erlebten darunter leiden, ist dabei nichts Ungewöhnliches. Das Phänomen ist beispielsweise von Kriegsflüchtlingen bekannt, die in der Situation selbst noch „funktionieren“, hinterher aber unter dem Erlebten leiden. „Wenn der Stress zu Ende ist, bleiben erschreckende Erinnerungen und Erschöpfungsgefühle zurück, mit denen man leben muss. Der Körper holt sich dann die Erholungs- und Verarbeitungsphasen, die er braucht“, ordnet Thiele ein.

Mit der Einstellung auf Antidepressiva gegen die Depressionen und Neuroleptika gegen die audiovisuellen Halluzinationen ging es mit Schulze, wie er selbst sagt, wieder bergauf. „Es gibt aber immer noch Wochen, da hänge ich wie aus heiterem Himmel einfach durch. Da kann ich nicht mal aufstehen“, erklärt Schulze. Meistens dauern solche Phasen bis zu fünf Tage. Diese wiederkehrenden Krisen sind es auch, die eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt für ihn unmöglich machen – ob die Symptome Nebenwirkungen der Neuroleptika oder depressive Symptome sind, sei laut Thiele im Alltag nicht immer leicht zu unterscheiden.

„Ich würde das Tempo nicht schaffen auf dem normalen Arbeitsmarkt“, so ist sich Schulze gewiss. „Ich habe ja zum Teil auch eine Erschöpfungsdepression. Da habe ich Phasen, wo ich hier in der Werkstatt einfach mal schlafe. Wenn ich das in einem normalen Büro tun würde, käme das nicht so gut beim Chef an“, verdeutlicht der 56-Jährige. Dass die Schläfrigkeit auch von den Medikamenten kommen kann, ist ihm bewusst. Die Nebenwirkungen nimmt er in Kauf, es sei leichter für ihn erträglich als mit den Halluzinationen.

Schulze ist anzumerken, dass er in einem Jahr Tagesklinik und etlichen Jahren WIR gelernt hat, mit seiner Krankheit umzugehen. Er ist gern in der Werkstatt: „Man wird hier so gefördert, wie man es braucht. Vielleicht bin ich der langsamste von allen – aber so geht es eben.“ Besonders hart, so erzählt Thiele im Nachgang, habe ihn auch der erste Corona-Lockdown getroffen: „Ich vermute, dass die fehlende Tagesstruktur und Unterforderung den Ausschlag gab. Er verlor den Antrieb und die Halluzinationen steigerten sich ins Unerträgliche.“

Eine Medikamentenerhöhung brachte keine schnelle Besserung. „Er benötigte lange Zeit, um sich wieder davon zu erholen“, meint Thiele. Weitere Unterstützung bekam Schulze dann in Form einer ambulanten Betreuung. Mit dieser zusammen können Dinge des Alltags erledigt werden, die wegen der häufigen Erschöpfung sonst liegen bleiben. Auch kümmert sich die Betreuung um gesundheitliche Aspekte in Form von Spaziergängen an der frischen Luft. „Zusammen mit der Rückkehr in die WIR und der gewohnten Tagesstruktur ging es dann wieder aufwärts“, fasst Thiele zusammen.

Laut der Lebenshilfe-Psychologin Thiele zeige dieser Fall, dass immer mehrere Aspekte zum Ausbrechen aus einer akuten psychischen Krise gehören. „In diesem Beispiel ist es nach dem Lockdown die zurückgewonnene Tagesstruktur und sinnvolle Tätigkeiten mit sozialen Kontakten, die ambulanten Hilfen, um das Privatleben wieder besser zu bewältigen und sich mehr Bewegung zu verschaffen, sowie die jeweils angepasste Dosis an Medikamenten.“ Schulze wünscht sich nun, dass er bis zur Rente bleiben kann. „Das Umfeld hier ist gut. Es gibt kein Mobbing und es tut mir gut, hier zu sein“, zeigt sich Schulze zufrieden. „Die Arbeit in der WIR baut mich langsam aber sicher auf.“

Die Serienfolgen:

1. Wege aus der Krise, Wege in die Hilfe.
2. Leben mit Halluzinationen und Erschöpfung.
3. Depressionen rauben alle Kräfte.
4. Auch seelische Verletzungen hinterlassen Narben.
5. Leben in ständiger Angst.

Zum Bild: Das Schild über der Einfahrt der Werkstatt für Industriearbeit in Wolfenbüttel.

WIR gemeinsam: Wenn die Psyche das Leben auf den Kopf stellt

Wolfenbüttel. Nahezu jeder vierte Deutsche leidet an einer psychischen Erkrankung in unterschiedlicher Ausprägung. Den Berichtserstattungen der Krankenkasse zufolge sind das vor allem Angst- und depressive Störungen, gefolgt von Problemen, die auf Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch zurückzuführen sind. In manchen Fällen führen Erkrankungen der Psyche so weit, dass eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben kaum mehr möglich ist. In diesen Fällen unterstützt die Lebenshilfe mit der WIR – den Werkstätten für Industriearbeit in Wolfenbüttel und Helmstedt.

Die Einrichtung bietet berufliche Rehabilitationsmöglichkeiten und Arbeitsplätze, die an die Bedürfnisse und Belastungsgrenzen erkrankter Menschen angepasst sind. Die Ursachen und Folgen psychischer Erkrankungen auf den Alltag Betroffener sind vielfältig und oft mit einem langen Leidensweg verbunden, bis endlich die richtige Hilfe gefunden wird. In dieser Serie berichten Betroffene mit verschiedensten Diagnosen über ihre Erkrankung und ihre Arbeit in der WIR. In dieser ersten Folge geht es zunächst darum, welche Wege aus der Krise in die Hilfe führen – und wie sich psychische Beeinträchtigungen frühzeitig erkennen lassen, ehe sie zu einem chronischen Zustand werden.

Psychologin Angelika Thiele

Angelika Thiele vom psychologischen Dienst der Lebenshilfe unterstützt in der Werkstatt an der Halchterschen Straße 16 in Wolfenbüttel bei allen Fragen der psychischen Gesundheit und steht als Ansprechpartnerin für die dort arbeitenden Menschen zur Verfügung. Die Werkstatt ist im Gebäude einer alten Werksfeuerwehr eingerichtet. Es gibt einen kleinen, gut sortierten Second-Hand-Laden. Neben der Teilnahme an Gruppenangeboten und Angeboten zur beruflichen Orientierung werden von den etwa 60 Beschäftigten am Standort Wolfenbüttel in den lichtdurchfluteten Räumen Produkte hoher Qualität in Handarbeit hergestellt oder montiert.

„Das Ziel ist das Zurückfinden in die berufliche Tätigkeit. Viele Menschen hier mussten bereits einiges ertragen. Sie waren mehrfach in Kliniken, sind beruflich mehrfach gescheitert und sind irgendwann müde. Wer so viel Frustration erlebt hat, ist froh, hier in dieser Werkstatt in Ruhe arbeiten zu können. Das Angebot der ambulanten Hilfe kann die Stabilisierung zusätzlich unterstützen.“, erklärt Thiele bei einem Gang durch die Räumlichkeiten, in denen die betroffenen Menschen nicht ohne Stolz von ihrer Arbeit berichten. Die meisten von ihnen haben einen Beruf erlernt und führten ein normales Leben, bis die psychische Erkrankung sie aus der Bahn warf.

Stephan Hoffmann, Sozialarbeiter bei der AWO

Stephan Hoffmann erlebt das jeden Tag. Er ist Sozialpädagoge im AWO Psychiatriezentrum und arbeitet in der Tagesklinik Wolfenbüttel: „Die Menschen funktionieren nur noch und quälen sich lange mit körperlichen und seelischen Beschwerden durchs Leben, lassen sich viel gefallen und befinden sich zum Teil in prekären Arbeitsverhältnissen. Viele haben eine lange medizinische Vorgeschichte, weil sich körperliche Beschwerden bemerkbar gemacht haben, bevor ursächlich eine Depression erkannt wird. Je früher dies erkannt wird, umso besser kann man es auf positive Bahnen lenken. Aber das ist gar nicht so einfach.“

Neben genetischen Dispositionen können traumatische oder wiederkehrende belastende Erfahrungen in der Kindheit, in der Jugend oder im Erwachsenenalter zu posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), Borderline, Depression, Angst und anderen Folgeerkrankungen führen. In der WIR arbeiten zudem Menschen mit schizophrenen Erkrankungen sowie Menschen mit psychischer Erkrankung infolge eines Schädel-Hirn-Traumas.

Die Anzeichen für psychische Probleme sind oft unspezifisch. Thiele erklärt: „Konzentrationsstörungen, innere Unruhe und Schlafstörungen sind typische Anzeichen. Das hat jeder Mensch vielleicht schon erlebt. Die Frage ist, geht das nach einigen Tagen oder wenigen Wochen wieder weg oder bleibt es?“ In jedem Fall sollten sich Betroffene nicht schämen, sich wegen psychischer Probleme krankschreiben zu lassen. „Körper und Psyche sind eins. Wenn man psychisch nicht auf Reihe ist, fühlt man sich ja auch krank. Und so sollte das auch behandelt werden“, betont Thiele. Hoffmann ergänzt: „Ich erlebe oft Menschen mit Depressionen, die auf den ersten Blick nicht niedergeschlagen wirken. Sie reißen sich lange zusammen, bewältigen ihre Alltagspflichten noch. Aber irgendwann bricht dieses Muster auch zusammen.“ In der Folge lassen sich die Betroffenen hängen, finden keine Zeit und keine Freude mehr an Bewegung und Sport, reduzieren Kontakte. „Dann ist die Gefahr groß, sowohl psychisch als auch körperlich krank zu werden. Darum sollte man frühzeitig reagieren, bevor sich die Negativspirale immer weiter abwärts bewegt“, warnt Thiele.

Das soziale Umfeld spiele dabei eine entscheidende Rolle. „Häufig ist es so, dass das Umfeld sagt: ‚Stell dich mal nicht so an, reiß dich zusammen‘“, verdeutlicht Hoffmann. Im Arbeitsleben verstärken Druck und Versagensängste dann die Angst- und Depressionsproblematiken. Wenn dann noch Mobbing oder andere Belastungen hinzukommen, braucht es professionelle Hilfe.

Der erste Schritt sollte dabei über den Hausarzt führen. Bei der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz müssen sich Betroffene jedoch auf lange Wartezeiten einstellen, wie von Hoffmann und Thiele angemerkt wird: „Das ist unglaublich zermürbend – gerade, wenn es einem schlecht geht.“

Neben dem oft und gerade auch seit der Corona-Pandemie häufig überlasteten Fachärztesystem gibt es noch andere Wege in die Hilfe. Der Sozialpsychiatrische Dienst muss durch jede Kommune vorgehalten werden und besteht in Wolfenbüttel aus zahlreichen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und einer Fachärztin. Betroffene ab 18 Jahren und ihre Angehörigen erhalten hier Unterstützung bei psychischen Erkrankungen und in schwierigen Lebenslagen. Außerdem werden auch weiterführende Hilfen vermittelt. Bei Selbst- und Fremdgefährdung Angehörige und Betroffene sich nicht scheuen, den Notruf zu wählen.

Zusätzlich zu den Möglichkeiten des Sozialpsychiatrischen Dienstes stehen auch Online-Hilfen oder wie in Wolfenbüttel die Selbsthilfekontaktstelle KISS des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zur Verfügung, die für unterschiedlichste Problemstellungen ein offenes Ohr haben und zügig an eine passende Selbsthilfegruppe vermitteln kann.

Trotz der langen Wartezeiten in der ambulanten wie stationären Therapie sei der ‚erste Schritt‘ über den Hausarzt wichtig für die Betroffenen. „Wenn man das eigene Problem einmal ausgesprochen hat, wird es leichter, auch anderen davon zu erzählen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist dann nicht mehr so abwegig“, ist Thiele überzeugt.

Axel Koßmann, Öffentlichkeitsbeauftragter

Wer in der WIR arbeitet, hat diesen langen und oft zermürbenden Weg bereits hinter sich. „Hier geht es darum, Fuß zu fassen, wieder Sicherheit zu bekommen, um Stück für Stück den Weg nach draußen zu gehen – so etwas dauert“, betont Thiele und erklärt: „Wer im Arbeitsleben scheitert, verliert oft sein Selbstwertgefühl. Das wieder aufzubauen ist ein Weg, den man gehen muss – Zeit und Geduld spielen hier eine entscheidende Rolle. Hier muss auf jeden Menschen individuell eingegangen werden.“

Die Lebenshilfe will sich weiter dafür einsetzen, die Situation bei den schnellen Hilfen für psychisch Erkrankte zu verbessern. „Die Menschen, die hier arbeiten, brauchen die Chance, aus der Werkstatt auch wieder rauszukommen. Inklusion und Integration sind uns wichtig. Damit die Menschen nach überstandener Krise wieder auf eigenen Beinen stehen können“, so Axel Koßmann, Öffentlichkeitsbeauftragter der Lebenshilfe abschließend.

#43aMussWeg – Lebenshilfe startet Petition

Berlin. Seit Jahren kämpfen die Fachverbände für eine Abschaffung des Paragrafen 43a im elften Sozialgesetzbuch (SGB XI). Dieser Paragraf behandelt Menschen mit Behinderung bei der Pflege deutlich schlechter, wenn sie in einem „Wohnheim“ leben. Die Lebenshilfe fordert nun in einer Petition im Bundestag: #43aMussWeg – faire Pflege für alle! Mindestens 50.000 Unterschriften sind das Ziel, damit die Petition Erfolg hat. Hier geht es zur Petition.

„Die Ungerechtigkeit und Diskriminierung, die mit dem immer noch existierenden § 43a einhergehen, ist für uns in keiner Form nachvollziehbar“, betonen Ulla Schmidt, MdB und Bundesministerin a.D. (Bundesvorsitzende Bundesvereinigung Lebenshilfe), Gerd Ascheid (Landesvorsitzender Lebenshilfe NRW) und Stephan Thiel (Vorstandsvorsitzender Lebenshilfe Lüdenscheid und Einreicher der Petition) gemeinschaftlich. „Alle sollen dieselbe Unterstützung erhalten, egal, wo sie leben!“

Im Anwendungsbereich von § 43 a SGB XI und damit jedenfalls in den sog. gemeinschaftlichen Wohnformen haben Menschen mit Behinderungen nur eingeschränkten Zugang zu den Leistungen der Pflegeversicherung. Unabhängig von ihrem Pflegegrad stehen ihnen nur die Pflegeleistungen in Höhe von maximal 266 EUR/Monat und damit regelmäßig ein Bruchteil ihres tatsächlichen Bedarfs zu. Alle Leistungsverbesserungen in der Pflegeversicherung der letzten Jahre sind an den Menschen mit Behinderung in besonderen Wohnformen vorbeigegangen. Damit stellt sich der Gesetzgeber selbst in krassen Widerspruch zu dem mit dem Bundesteilhabegesetz verbundenen Paradigmenwechsel. Der Gesetzgeber hat es als zentrale Neuerung angepriesen, dass die Leistungen künftig personenzentriert zu erfolgen hat und nicht mehr einrichtungszentriert. Menschen mit Behinderung sollen unabhängig davon, wo und wie sie leben, uneingeschränkten Zugang zu den Leistungen der Eingliederungshilfe erhalten. Augenscheinlich gilt dies aber nicht für die Pflegeleistungen nach dem SGB XI. Denn hier macht es finanziell einen großen Unterschied, wo der/die Pflegebedürftige lebt. Im Vergleich zu Menschen mit Behinderung, die häuslich gepflegt werden, erhalten sie von der Pflegekasse für ihre Pflege pro Monat je nach Pflegegrad zwischen 423 und 1.729 Euro weniger an Versicherungsleistungen. Durch die gekürzten Pflegeleistungen können betroffene Bewohner*innen gezwungen sein, ihr vertrautes Lebensumfeld zu verlassen und ins Pflegeheim umzuziehen. Die Möglichkeit, die ambulanten Pflegeleistungen in ihrer besonderen Wohnform zu bekommen, haben sie anders als alle anderen Versicherten nicht, obwohl sie die gleichen Beiträge zur sozialen Pflegeversicherung aufbringen.

Mehr Sicherheit im Netz und im echten Leben

Helmstedt-Wolfenbüttel. Die Lebenshilfe Helmstedt-Wolfenbüttel bietet für Beschäftigte und Bewohner*innen in diesem Jahr mehrere Aktionsangebote zu den Themenfeldern Sicherheit und Distanz, im Internet und im echten Leben. Dabei stehen auch Kurse zur Selbstverteidigung auf dem Programm.

Erfahrungen mit Gewalt haben alle schon einmal in ihrem Leben gemacht. Besonders die neuen Möglichkeiten, andere Menschen ganz anonym über Facebook, Instagram oder andere Plattformen zu beleidigen, zu bedrohen oder ihnen Gewalt anzudrohen, haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Das merken wir auch in unseren Werkstätten und Wohneinrichtungen. Die Gruppenleitungen, Sozialdienste und Psychologinnen werden oftmals um Hilfe gebeten. Aber auch Gewalt innerhalb und außerhalb von Familien ist in der Corona-Pandemie deutlich angestiegen. Die aktuellen Zahlen sprechen von einer 30 prozentigen Zunahme.

Die Lebenshilfe Helmstedt-Wolfenbüttel hat bereits seit vielen Jahren Ansprechpartner und -partnerinnen für betroffene Beschäftigte und Bewohner*innen. Zudem gab es in der Vergangenheit Workshops, Theaterstücke und Ausstellungen in unseren Einrichtungen, um alle Beteiligten für das Thema Gewalt zu erreichen und zu sensibilisieren.

In diesem Jahr wird es mehrere Aktionsangebote in den Werkstätten geben. Hier haben die Beschäftigten die Möglichkeit, verschiedenen Kurse und Aktionen zu wählen. Es geht unter anderem um den sicheren Umgang im Netz oder um Nähe und Distanz in Beziehungen. Zusätzlich stehen Kurse zur Selbstverteidigung auf dem Programm. Dabei gibt es Wendo-Selbstbehauptung für Frauen (hier dürfen nur Frauen teilnehmen) und Karate-Selbstbehauptung für Männer (hier dürfen nur Männer teilnehmen). Komplettiert wird das Programm durch das Angebot zum angstfreien Umgang mit Hunden und mit einem Trommel-Workshop für mehr Selbstbewusstsein. Für die Tagesförderstätten wird es ein Körpererleben mit Klängen geben, die der Entspannung dienen und emotionale Blockaden lösen.

Wie Sie sehen, ist für alle etwas dabei. Also, melden Sie sich an und freuen Sie sich auf interessante und spannende Tage. Die entsprechenden Angebote und Anmeldungen finden Sie im Sonderheft „Gemeinsam stark und sicher!“, die in den Gruppen ausliegen und verteilt werden. Wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie bitte ihre Gruppenleitung, den psychologischen Dienst, den Sozialdienst oder die Ansprechpersonen bei sexueller Gewalt an.

Wir freuen uns auf ihre Teilnahme.

Das Vorbereitungsteam